Lernen wir uns kennen.
Der erste Schritt ist Klarheit: ein Erstgespräch.
Erstgespräch vereinbaren
Thema · Komplexität und Kommunikation
Steuerung läuft im Unternehmen fast vollständig über Kommunikation: Ziele, Entscheidungen, Rückmeldungen, Berichte. Wer Kommunikation nicht als Übertragung zwischen zwei Köpfen versteht, sondern als eigenes System mit eigenen Mustern, sieht, warum klare Ansagen keine Klarheit erzeugen und Runden sich im Kreis drehen.
Erstgespräch vereinbarenIn vielen Unternehmen gilt Kommunikation als Übertragung: Jemand sagt etwas, jemand anderes empfängt es, und wenn etwas schiefgeht, hat einer von beiden nicht aufgepasst. Die Vorstellung ist bequem, erklärt aber wenig. Sie erklärt nicht, warum dieselbe Anweisung in zwei Abteilungen völlig unterschiedlich umgesetzt wird, warum eine Besprechung mit lauter klugen Leuten ohne Ergebnis endet oder warum ein Team monatelang „einverstanden“ ist und trotzdem nichts geschieht.
Der Ansatz, um den es hier geht, setzt anders an. Er betrachtet Kommunikation als eigenes System, das nach eigenen Mustern abläuft und sich selbst fortsetzt. Er geht zurück auf die Systemtheorie des Soziologen Niklas Luhmann und wurde von Gitta Peyn in ihrem Ansatz FORMwelt weiterentwickelt. Wer versteht, wie sich Kommunikationssysteme verhalten, versteht einen großen Teil dessen, was im Unternehmen tatsächlich passiert.
Luhmann beschreibt Kommunikation als Einheit aus drei Auswahlvorgängen: Information, Mitteilung, Verstehen. Erst wenn alle drei zusammenkommen, findet Kommunikation statt. Peyn verschiebt den Akzent und spricht von Meinen, Mitteilen, Verstehen.
Meinen
Bedeutung wird erzeugt: Was ist mir wichtig, was denke ich, was will ich ausdrücken?
Mitteilen
Zeichen werden gesetzt, Verhalten wird gezeigt: gesprochen, geschrieben, durch Körpersprache oder Handlung.
Verstehen
Ein Verhalten wird als Mitteilung gedeutet: Was ist hier wohl gemeint?
Entscheidend ist, dass die drei Elemente keine Abfolge bilden, sondern rekursiv zusammenspielen. Jedes Verstehen wird zum Anlass für neues Meinen, jede Mitteilung wird verstanden oder missverstanden und erzeugt die nächste. Das System entscheidet dabei selbst, wie es sich informiert. Das gilt für ein Gespräch, eine Abteilung, ein Unternehmen, und nach Peyn auch für die einzelne Psyche, die Gedanken auf Gedanken bezieht.
Nach Peyn ist diese Form der Verständigung entwicklungsgeschichtlich alt. Sie ist aus einer an Emotionen gebundenen Signalsprache hervorgegangen und folgt Mustern gemeinsamer Rhythmisierung. Deshalb ist Körpersprache so wichtig, weniger als „Ausdruck“ denn durch das, was jemand als Nächstes tut.
Wer etwas meint, mitteilt oder versteht, trifft Unterscheidungen: wichtig oder unwichtig, dringend oder nicht, Problem oder Chance. Der Referenzrahmen der Unterscheidung (RdU) ist der Rahmen, in dem eine Person oder ein System diese Unterscheidungen trifft. Er ist die Grundlage dafür, was jemand für wirklich hält, und damit für Kommunikation überhaupt.
Zwei Bereiche, die „über dasselbe“ sprechen, können deshalb mit verschiedenen Rahmen arbeiten. Jede Seite versteht korrekt innerhalb ihres Rahmens und trotzdem etwas anderes:
Vertrieb
unterscheidet nach Abschlusswahrscheinlichkeit
Produktion
unterscheidet nach Machbarkeit
Buchhaltung
unterscheidet nach Liquidität
Die erkenntnistheoretische Grundlage heißt Realkonstruktivismus: Wirklichkeit wird konstruiert, aber nicht beliebig. Sie hängt an Rückkopplungen, Regeln und Referenzrahmen und hat Gegebenheiten, die sich nicht wegdeuten lassen. Für Unternehmen ist diese Haltung praktisch: Unterschiedliche Sichtweisen werden ernst genommen, müssen sich aber an Rückmeldungen aus der Realität messen lassen.
FORMwelt ist dafür der Werkzeugkasten: eine formale Sprache für Denken und Kommunikation, die mit genauen Definitionen arbeitet und Missverständnisse vermeiden soll, die nur auf unterschiedlichen Wortbedeutungen beruhen. FoRMlines heißen ihre Darstellungen von Unterscheidungsmustern und Gesprächsdynamiken.
| Ebene | Bausteine |
|---|---|
| Fundament | Realkonstruktivismus als Grundlage, RdU als Brille |
| Methode | FORMwelt als Sprache, c2m als Modell der Bedeutungsbildung, FoRMlines als Darstellung |
| Anwendung | Komplexitätsmanagement, Organisationsentwicklung, anschlussfähig an Stafford Beers Syntegration für große Gruppengespräche |
Der Ansatz liefert keine Gesprächstechnik, sondern eine Beobachtungsfähigkeit. Er hilft bei Fragen, die in der Führung ständig auftauchen:
Warum erzeugt eine klare Ansage keine Klarheit?
Warum dreht sich eine Runde im Kreis, obwohl alle „dasselbe wollen“?
Warum gilt eine Zustimmung als Entscheidung, obwohl niemand wirklich entschieden hat?
Woran erkennt man, ob ein Gespräch Neues hervorbringt oder nur Bekanntes wiederholt?
Der Nutzen liegt darin, Kommunikationsmuster als Eigenschaften des Systems zu erkennen statt als Charakterfehler Einzelner. Dann lassen sie sich gezielt verändern: über Besprechungsformate, Rückfrageschleifen, Entscheidungswege und die Art, wie Führung ihre Impulse setzt.
Die Kernfähigkeit: sagen können, was man meint, und meinen können, was man sagt.
Für die drei Elemente gibt es eine Kurzschreibweise: M steht für Meinen, ! für Mitteilen, V für Verstehen. Die Reihenfolge zeigt, womit ein Gesprächszug ansetzt und worauf er sich stützt. M!V heißt: Jemand meint etwas, teilt es mit, und es wird verstanden. Die übrigen fünf Reihenfolgen verschieben den Schwerpunkt. So entstehen sechs Betonungsmuster.
Die Muster beschreiben, wie ein Gesprächszug gebaut ist, nicht, wer jemand ist. In einer einzigen Besprechung zeigt dieselbe Person oft mehrere davon. Keines ist besser als ein anderes.
!VM
Impulsgebend-zusammenführend
Folgt Impulsen, fragt nach, führt zusammen, arbeitet gern mit sichtbaren Aufgabenlisten wie einem Kanban-Board.
Leistung Entscheidungen und nächste Schritte
!MV
Verordnend
Setzt fest, meint zu wissen, im Extrem bis zum Dogma.
Leistung Orientierung, wirkt immer rhythmisierend
M!V
Anbietend
Bietet an, wie es in Beratung oder Training geschieht.
Leistung Bewusste Wahrnehmung, klarer Fokus
MV!
Erkundend-fragend
Fragt „Wie ist das?“ und will es wirklich wissen.
Leistung Reflexion, Klärung der eigenen Position
VM!
Rückversichernd
Fragt „Habe ich richtig verstanden?“ und erwartet eine Mitteilung, an der es sich ausrichten kann.
Leistung Absicherung von Aufträgen
V!M
Bestätigendes Schweigen
Stimmt zu, ohne selbst Eigenes mitzuteilen.
Leistung Schnelle Bestätigung, Konsens
Einige Verbindungen schärfen das Bild:
Ein zentraler Gedanke des Ansatzes lautet: Relevant ist, was als Nächstes passiert. Ob eine Mitteilung gut war, zeigt sich am Anschluss. Vier Fortsetzungen sind möglich:
Eine Mitteilung
Konflikt
Die Mitteilungen stoßen aufeinander.
Monotonie
Das System wiederholt sich.
Rhythmus
Das System findet einen gemeinsamen Takt.
Co-Kreation
Ideen werden aufgenommen, das System beobachtet sich selbst beim Kommunizieren.
Monotonie entsteht, wenn ein System vor allem auf Meinen und Verstehen baut und das Mitteilen vernachlässigt. Jeder weiß, was gemeint ist, jeder versteht, aber es kommt nichts Neues mehr in Umlauf. Im Unternehmen zeigt sich das als Besprechung, die seit Jahren gleich abläuft, als Bericht, den niemand mehr liest, oder als Konsens, der nie geprüft wird.
Rhythmus ist dagegen nicht schlecht. Wiederkehrende Muster geben Takt und Verlässlichkeit. Die Frage ist, ob ein Rhythmus Neues trägt oder nur Wiederholung erzeugt.
Ein co-kreatives Sinnsystem erwartet immer ein M!V: dass jemand etwas meint, es tatsächlich mitteilt und dass es verstanden wird. Das klingt selbstverständlich, ist aber anspruchsvoll, weil alle drei Elemente zugleich bedient werden müssen:
Fehlt das Mitteilen
droht Monotonie.
Fehlt das Verstehen
entsteht Lärm.
Fehlt das Meinen
wird nur verwaltet.
Ist ein Kommunikationssystem festgefahren, hilft es selten, innerhalb des Musters lauter zu werden. Hilfreicher ist ein Eingriff auf der Ebene, auf der das System über sich selbst spricht, eine Meta-Intervention. Ihre Leitfrage:
Als was nimmt das System ein M!V? Was gilt hier überhaupt als echte, gemeinte und verstandene Mitteilung?
Diese Frage ist leichter formuliert als gestellt:
Das System fängt sie auf
Die Frage muss aus der Meta-Kommunikation heraus durchgesetzt werden. Sonst nimmt das System die Störung auf und kehrt in die gewohnte Monotonie zurück.
Sie wird als Meinung abgetan
Eine Intervention kann als bloßes Meinen gelten („der nun wieder“), statt als Mitteilung verstanden zu werden.
Allein gelingt sie kaum
Sie braucht Rückhalt: Position und Entscheidungsbefugnis, eine ausreichende Zahl von Beteiligten oder anerkannte Autorität.
Der letzte Punkt betrifft die Geschäftsführung unmittelbar. Sie verfügt in der Regel über genau diese Hebel und kann Meta-Interventionen absichern, die sonst verpuffen würden.
Eine Besprechung lässt sich daraufhin beobachten, welche Muster dominieren. Eine Runde, in der vor allem Impulse gesetzt und Aufgaben verteilt werden, erzeugt viel Aktivität, aber nicht unbedingt gemeinsames Verständnis. Eine Runde, in der nur genickt wird, wirkt harmonisch, trifft aber womöglich keine geprüften Entscheidungen. Eine Runde, in der niemand mehr Neues mitteilt, ist in Monotonie gekippt. Ein einfacher Prüfstein:
Was ist nach dieser Besprechung als Nächstes passiert?
Eine Anweisung ist ein verordnender Gesprächszug. Oft ist das genau richtig: Sie gibt Orientierung und Takt. Schwierig wird es, wenn Verstehen einfach vorausgesetzt wird. Dann entstehen Insellösungen, weil jede Einheit die Anweisung in ihrem eigenen Referenzrahmen umsetzt. Hilfreich ist, nach einer Anweisung bewusst Raum für Rückversicherung zu schaffen und den Rahmen offenzulegen, in dem sie gemeint ist.
Rückfragen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern ein eigenes Muster mit eigener Leistung. Die rückversichernde Frage („Habe ich richtig verstanden?“) sichert Aufträge ab, die erkundende („Wie ist das?“) öffnet ein Thema. Organisationen, in denen Rückfragen als Störung gelten, verlieren beides und bezahlen mit Nacharbeit.
Eine einfache Frage, die eine Führungskraft stellen kann. Sie wirkt auf zwei sehr unterschiedliche Weisen, je nachdem, wie sie gestellt wird:
| Ehrlich gestellt | Rhetorisch gestellt | |
|---|---|---|
| Haltung | Echtes Interesse an der Antwort | Die Antwort steht schon fest. |
| Was sie ist | Einladung zur gemeinsamen Prüfung | Ein verordnender Zug in Frageform |
| Mögliche Folge | Kann ein co-kreatives Sinnsystem anstoßen | Bestätigt das bestehende Muster |
Den Unterschied merkt das Team am Anschluss: daran, was nach der Antwort passiert.
Die Betonungsmuster hängen mit der Frage zusammen, wie komplex ein Team ein Thema gerade behandelt (siehe Komplexitätsmanagement). Springt ein Team zwischen vielen Themen, ohne Haltepunkte zu setzen, führen rückversichernde und bestätigende Muster zu Aktionismus, Kontrolle und Silokreativität, verordnende und impulsgebende zu wechselnden Regulierungsversuchen ohne Verständigung. Erkundende und anbietende Muster zeigen sich dagegen dort, wo aus einem Konflikt heraus vermittelt wird.
Eine zweite Brücke führt zum Viable System Model (VSM) von Stafford Beer:
Viable System Model
Wie muss eine Organisation gebaut sein, um lebensfähig zu bleiben? Steuerungsfähigkeit entsteht aus Informationsverarbeitung, Kommunikation und Rückkopplung, mit eigenen Funktionen für Koordination und für die Prüfung, ob Berichte die echte Leistung zeigen.
Kommunikationssysteme
Was wird in dieser Struktur tatsächlich gesprochen, verstanden und angeschlossen? Die beste Struktur nützt wenig, wenn die Kommunikation darin monoton geworden ist.
Wer Kommunikation bewusst gestalten will, braucht verschiedene Blickwinkel. Drei Ebenen lassen sich unterscheiden, jeweils mit dem, was notwendig, und dem, was hinreichend ist:
| Ebene | Notwendig | Hinreichend |
|---|---|---|
| Alltagskommunikation | Ein Gegenüber, dem man etwas mitteilt | Sich selbst und das Gespräch von außen betrachten können |
| Reflexion und Analyse | Das eigene Verhalten, seine Wirkung und Muster beobachten | Erkennen, wie man selbst Bedeutung erzeugt, also die eigene Deutung deuten |
| Gestaltung des Kommunikationssystems | Kommunikation als Feld erkennen, nicht nur als Austausch | Kommunikationsräume als Konstrukte erkennen und mit Paradoxien, entstehender Bedeutung und Nichtwissen arbeiten |
Für eine Geschäftsführung ist vor allem die dritte Ebene wichtig. Sie ist für die Kommunikationsräume des Unternehmens verantwortlich: welche Runden es gibt, wer wann mitteilen darf, wie Verstehen geprüft wird und was nach einer Entscheidung als Nächstes passiert.
Kommunikation ist ein Spielraum von Formen. Wer die Formen erkennt, kann sie wechseln. Wer sie nicht erkennt, wiederholt sie.
Komplexität und Kommunikation
Komplexitätsmanagement mit c2m: kompliziert und komplex unterscheiden, Differenzierung und Dimensionierung, die Stufen K0 bis K5, neun Irrtümer, Abgrenzung zu Cynefin, MHC und VSM.
Struktur und Steuerung
Das Viable System Model (VSM) nach Stafford Beer: fünf Systeme, Varietät, Rekursion, Kommunikationskanäle, typische Muster und ein Kurzcheck für die eigene Organisation.
Zusammenarbeit und Wandel
Konflikte in Organisationen einordnen: Konflikttypen, Absichten und Motive, die neun Eskalationsstufen nach Glasl und die Konfliktdiagnose nach Berkel, mit Praxisfällen und Grenzen.
