Lernen wir uns kennen.
Der erste Schritt ist Klarheit: ein Erstgespräch.
Erstgespräch vereinbaren
Thema · Zusammenarbeit und Wandel
Organisationen entwickeln sich, ob jemand das plant oder nicht. Dabei kehren ähnliche Muster wieder: Gespräche fahren sich fest, Informationen kommen verzerrt an, Lager bilden sich, und Konflikte gelten als persönlich, obwohl sie es nicht sind. STAGES liefert eine Brille, mit der sich solche Muster sachlich beschreiben lassen.
Erstgespräch vereinbarenSTAGES stammt aus der Forschung zur Entwicklung von Perspektiven. Terri O'Fallon hat es entwickelt, aufbauend auf der Ich-Entwicklungsforschung von Jane Loevinger und Susanne Cook-Greuter. Kim Barta hat daraus zwei Werkzeuge für Organisationen gemacht: ein Raster für den Aufbau einer tragfähigen Organisationskultur und ein Diagnosemodell dafür, wie Interaktionen schiefgehen, den Organisationsschatten.
Im Ursprung beschreibt STAGES eine Entwicklungsabfolge. Für die Arbeit an Organisationen wird hier nur das Raster dahinter genutzt: wenige Grundmerkmale, die sich in verschiedenen Kombinationen ein- und ausschalten. Als Brille zeigen sie, aus welcher Blickrichtung ein Thema gerade behandelt wird und welche fehlt.
Es geht nicht darum, Menschen, Teams oder Unternehmen einzuordnen. Es geht darum, genauer hinzusehen, bevor entschieden wird.
Das Modell beantwortet drei praktische Fragen: Wie wird ein Thema gerade gedacht und bearbeitet? Was braucht eine Organisation, damit Information wahr, genau und brauchbar fließt? Und wo genau, zwischen wem und über welchen Mechanismus, geht etwas schief?
STAGES beschreibt jede Perspektive über drei Fragen. In Organisationen lassen sie sich als Blickrichtungen lesen, die gleichzeitig vorkommen, oft in derselben Besprechung. Jede hat eine Stärke und eine Grenze.
Das Beispiel des Modells: Konkret ist ein Haus. Subtil ist die Annahme, dass das Haus ein Zuhause ist. Die dritte Ebene ist das Bewusstsein darüber, dass man solche Annahmen trifft.
Konkret
Maschinen, Räume, Regeln, Abläufe, sichtbares Verhalten
Stärke: Bodenhaftung, direkte Überprüfbarkeit, klare Regeln. Grenze: Kultur, Werte und Wechselwirkungen bleiben unsichtbar.
Subtil
Pläne, Modelle, Daten, Werte, Systeme, Kontexte
Stärke: Planung, Zukunftsbild, Systemverständnis. Grenze: Abstraktion ohne direkte Erfahrung; Daten stützen eine feste Meinung.
Annahmen im Blick
Begriffe, Grenzen, Deutungsrahmen
Stärke: Annahmen werden sichtbar und verhandelbar. Grenze: Erklärung ersetzt Kontakt, eine weitere Metaebene ersetzt die Entscheidung.
Die zweite Frage ist die soziale Ausrichtung: individuell („es geht um mich“) oder kollektiv („es geht um uns“, also Beziehungen, Gruppen, Systeme). Beide Seiten werden gebraucht. Eigenverantwortung, Profil und Initiative kommen eher aus der individuellen Seite, Abstimmung, Zugehörigkeit und gemeinsame Regeln eher aus der kollektiven.
Die dritte Frage betrifft den Lernprozess. Vier Prozesse wiederholen sich:
| Prozess | Kern | Stärke | Grenze |
|---|---|---|---|
| aufnehmend | offen sein, sich etwas erschließen lassen | Offenheit, Tiefe, Breite, neue Sichtweisen | zu viel Detail; ohne Grenze kein Nein |
| handelnd | sich zeigen, gestalten, ausdrücken | Autonomie, Initiative, Umsetzung, Abschluss | Kontrolle, Status, Bürokratie; die Wirklichkeit wird dem eigenen Willen angepasst |
| wechselseitig | geben und nehmen, abstimmen, „sowohl als auch“ | Ausgleich zwischen Einzelnen und Gruppe, Rückmeldung | Ungleichgewicht: Entweder das Ich überwiegt oder die Gruppe |
| zusammenführend | Dinge ineinander verschränkt sehen, Systeme in Systemen | Wechselwirkungen erkennen, Rückkopplungen gezielt anpassen | eigene Projektionen werden schwer erkannt; Überbieten mit immer neuen Ebenen |
Diese Tabelle ist keine Leiter. Ein Einkauf, der Angebote sorgfältig aufnimmt, ein Vertrieb, der handelt, eine Runde, die ausgleicht, eine Geschäftsführung, die Wechselwirkungen zusammenführt: Das alles findet gleichzeitig statt, oft in einer Person an einem Tag. Die Frage ist nie, welcher Prozess der richtige ist, sondern welcher in einer Lage fehlt oder überzieht.
Für den Aufbau einer tragfähigen Organisationskultur kombiniert Barta die vier Prozesse mit vier Bereichen, in denen eine Organisation lebt: körperlich (Räume, Arbeitsplätze, Belastung), emotional (wie Stimmungen gezeigt und aufgenommen werden), intellektuell (Denken, Fachinformation, Argumente) und sozial (Gruppen, Zugehörigkeiten, Netzwerke). So entsteht ein Prüfraster mit 16 Feldern.
| Bereich | aufnehmend | handelnd | wechselseitig | zusammenführend |
|---|---|---|---|---|
| körperlich | ||||
| emotional | ||||
| intellektuell | stark: Konzepte, Entscheidungen | |||
| sozial | schwach: wenig echte Abstimmung zwischen Gruppen |
Beispiel einer Lesart: im intellektuellen Bereich stark handelnd, im sozialen Bereich kaum wechselseitig.
Jeder Bereich hat nach Barta dieselben fünf Qualitäten, für Einzelne wie für das Kollektiv. Daraus ergeben sich Kulturqualitäten wie „soziale Genauigkeit“ oder „intellektuelle Ehrlichkeit“. Die Leitfragen sind eine naheliegende Lesart:
| Qualität | Leitfrage für die Organisation |
|---|---|
| Gesundheit | Ist der Bereich auf Dauer tragfähig? |
| Freiheit | Gibt es Spielraum, oder ist alles verregelt? |
| Ehrlichkeit | Wird ausgesprochen, was ist? |
| Genauigkeit | Stimmt, was gesagt und berichtet wird? |
| Funktionalität | Erfüllt es seinen Zweck? |
Auch die Prozesse haben eigene Qualitäten. Für den handelnden Prozess nennt Barta einen Bogen aus Autonomie („Es ist mein Projekt“), Initiative, Umsetzung, Abschluss und Würdigung. Er zeigt, wo ein Vorhaben abbricht: Viele Organisationen sind stark in Initiative und Umsetzung, schließen aber wenig ab und würdigen kaum etwas.
Schatten bedeutet in Bartas Modell schlicht den Teil, den man über sich selbst nicht weiß. Auf Organisationen übertragen: Muster, die wirken, ohne gesehen zu werden. Barta beschreibt sie vollständig über Information, also darüber, was mit Information geschieht, die wahr, genau und hilfreich ist oder eben nicht. Fünf Mechanismen lassen sich unterscheiden:
Richtung des Flusses
Introjektion
Eine Stelle nimmt Information auf, die nicht zutreffend, wahr oder hilfreich ist.
Projektion
Eine Stelle gibt Information ab, die nicht zutreffend, wahr oder hilfreich ist.
Bewertung nach Zugehörigkeit statt nach Sache
Verstrickung
Information wird gestützt, weil man verbündet ist, nicht wegen ihrer Qualität.
Opposition
Widerspruch um des Widerspruchs willen, ohne Sachgrund.
Ausbleiben
Isolation
Wichtige, wahre und hilfreiche Erfahrungen werden nicht geteilt.
Information kommt dabei in vier Formen vor, passend zu den vier Bereichen: körperlich (Haltung, Präsenz), intellektuell, emotional (wie etwas gezeigt wird) und sozial (Gruppenzugehörigkeiten). Eine Projektion muss also nicht ausgesprochen werden. Sie kann auch über Haltung oder Zugehörigkeit transportiert werden.
Besonders wichtig ist, dass Projektion und Introjektion ineinandergreifen. Eine Stelle gibt eine ungeprüfte Einschätzung ab, eine andere übernimmt sie, und schon ist sie an einen weiteren Ort gewandert. Von dort kann sie weitergegeben werden.
Eingegrenzt Sie bleibt abgeschottet oder wird an einem Prüfpunkt unterbrochen.
Ausgebreitet Sie wandert durchs Haus „wie ein Virus“.
Für eine Geschäftsführung ist das eine Kernfrage der Informationsarchitektur: Wo werden Einschätzungen ungeprüft weitergereicht, und wo wird gestoppt und geprüft?
Um ein Problem richtig zu verorten, unterscheidet Barta fünf Einheiten, zwischen denen Interaktion stattfindet:
ein bestimmter Mensch
was sie in der Organisation verkörpert
offiziell, etwa eine Abteilung, oder inoffiziell, etwa langjährige Weggefährten
welche Funktion eine Gruppe einnimmt, offiziell oder inoffiziell
die Art, wie ein Thema gedeutet wird, als stabile Grundausrichtung oder als Orientierung in einer bestimmten Lage
Aus fünf mal fünf Einheiten entsteht eine Matrix mit 25 Interaktionsfeldern: von Person zu Rolle, von Gruppe zu Gruppenrolle, von Rolle zu Perspektive und so weiter. Jedes Feld lässt sich mit jedem der fünf Mechanismen lesen. Das ergibt einen großen, aber geordneten Raum. Daraus folgen drei typische Fehleingriffe:
Falsches Ziel
Man adressiert die Person, obwohl das Problem in ihrer Rolle liegt, oder umgekehrt.
Falsche Interaktion
Man behandelt etwas als Konflikt zwischen zwei Menschen, obwohl er zwischen einer Person und einer Rolle, einer Gruppe oder einer Gruppenrolle liegt.
Falscher Mechanismus
Man hält eine Verstrickung für eine Opposition oder eine Isolation für eine Projektion und setzt entsprechend daneben an.
Nach Kim Barta haben viele Konflikte nichts mit den beteiligten Personen zu tun. Wer das ernst nimmt, sucht Ursachen zuerst in Rollen, Gruppen und im Fluss der Information, erst danach bei Einzelnen.
Das Modell ist als Arbeitsform angelegt, nicht als Test. Es lässt sich in drei Schritten auf eine Organisation übertragen:
| Was man sieht | Was dahinter liegen kann | Wo man ansetzt |
|---|---|---|
| „Die zwei können nicht miteinander.“ | Zwei Rollen mit widersprüchlichem Auftrag treffen aufeinander. | Struktur und Zuständigkeit, nicht das Gespräch über Persönlichkeiten |
| In der Entscheidungsrunde wird nach Lager unterstützt oder abgelehnt. | Verstrickung und Opposition: Bewertung nach Zugehörigkeit statt nach Sache | Entscheidungsregeln, die die Sachqualität einer Information sichtbar machen |
| Eine Einschätzung über einen Kunden oder Standort wird überall übernommen. | Die Kette aus Projektion und Übernahme | Prüfpunkte im Informationsfluss |
| Erfahrungen aus einem Projekt erreichen das nächste nicht. | Isolation | Informationsarchitektur: wer was wann teilt |
| Viel Initiative, wenig Abschluss, keine Würdigung | Der Handlungsbogen bricht ab. | Abschluss und Würdigung ausdrücklich einplanen |
| Eine Veränderung setzt am Inhalt an, das Problem liegt im Prozess. | etwa fehlende Wechselseitigkeit zwischen Zentrale und Standorten | Fragen, an welchem Inhalt, in welchem Bereich und an welchem Prozess eine Veränderung ansetzen muss |
Entwicklung heißt in dieser Lesart nicht, eine höhere Stufe zu erreichen. Es heißt, Bereiche und Prozesse so zu gestalten, dass Information wahr, genau und hilfreich fließt, dass Einzelne und Gruppe im Ausgleich bleiben und dass Vorhaben vom Anfang bis zum Abschluss getragen werden.
Zusammenarbeit und Wandel
Konflikte in Organisationen einordnen: Konflikttypen, Absichten und Motive, die neun Eskalationsstufen nach Glasl und die Konfliktdiagnose nach Berkel, mit Praxisfällen und Grenzen.
Komplexität und Kommunikation
Kommunikation als eigenes System: Meinen, Mitteilen, Verstehen nach Luhmann und Gitta Peyn (FORMwelt), der Referenzrahmen der Unterscheidung, sechs Betonungsmuster, Meta-Intervention, mit Praxis und Grenzen.
Zusammenarbeit und Wandel
Veränderung in Organisationen einordnen: Treiber, Arten und Phasen nach SITA von Gisela Wendling und The Grove, die Liminalität als Übergangsraum, Change Literacy und komplexe Ansteckung nach Damon Centola, mit Praxisanlässen und Grenzen.
